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Ich habe ganz gut geschlafen, war nur zweimal auf. Vor dem Frühstück muss ich den Urin abgeben und Blut wird mir noch abgenommen, also gehe ich pünktlich ins Haupthaus. Das kann doch nicht wahr sein. Ich traue meinen Augen nicht. Da steht B. vor mir. Wir kennen uns aus Leipzig von der Selbsthilfegruppe, auch sie schmunzelt und dann umarmen wir uns herzlich. So kann mein erster Kurtag beginnen. Wir plaudern und frühstücken. So erfahre ich über die Aktivitäten der Selbsthilfegruppe im letzten Jahr etwas und mir wird erst jetzt bewusst, dass mir dieser Gedankenaustausch doch gefehlt hat. Leider konnte ich noch keinen Kontakt zu anderen Betroffenen aufnehmen oder wollte ich es gar nicht. Jedenfalls waren meine Bemühungen bisher nicht intensiv, nur kurze Recherchen im Internet. Ich bin gesund und gesunde Menschen brauchen keine Selbsthilfegruppe. Habe ich mir vielleicht etwas vorgemacht? Dieses Frühstücksgespräch war sehr, sehr angenehm.
Danach warte ich im Zimmer auf den Oberarzt, der um 10.30 Uhr eine Anamnese sowie eine Untersuchung durchführt und dann wird der Therapieplan festgelegt. Auch er ist offen und freundlich, wir können über kleine Missverständnisse gemeinsam lachen.
Bevor es um 12.00 Uhr Mittagessen gibt, kann ich noch einen kurzen Spaziergang unternehmen, um die nähere Umgebung zu erkunden.
Zu meinen festen Vorhaben zähle ich den Mittagsschlaf. Eigentlich habe ich bis 16.30 Uhr Zeit, denn dann beginnt mein erster Therapiepunkt: Therapeutisches Singen, doch so lange werde ich nicht schlafen - eine Stunde ist ausreichend.
Beide "Aktivitäten" waren herrlich und nun gibt es schon wieder Abendbrot. Ich beteilige mich am allgemeinen Tischgespräch und es wird ein gemeinsamer Abendspaziergang beschlossen. Einige Lebensgeschichten erfahre ich, zugleich stelle ich fest, dass es mir körperlich sehr gut geht.
Am Abend versuche ich meine Eltern und Andreas anzurufen. Die Festnetzverbindung funktioniert noch nicht und mit dem Handy muss ich immer nach draußen gehen, doch eine kurze Information ist schon wichtig.
Dann schaue ich mir noch meinen Wochenplan an und der erste Tag ist schon vorbei.

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Sonntag: Beginn meiner ersten Kur. Genau ein Jahr nach dem Unterschreiben des Mietvertrages in NRW. Wir waren zu keiner Zeit so lange getrennt voneinander. Ich war aufgeregt - so eine lange Strecke bin ich noch nicht alleine gefahren, traurig - ich hatte jetzt schon Sehnsucht, obwohl ich Andreas Hand noch fest in meiner spürte, und auch erwartungsvoll - hatte ich doch noch nie eine Kur in Anspruch genommen.
Die Vorbereitungen waren schon aufregend und forderten eine Menge Durchsetzungsvermögen. Eigentlich wollte ich gar nicht diese Möglichkeit der Erholung in Betracht ziehen. Doch alle, die Familie, Freunde, Verwandte und Ärzte haben mir zugeraten. Dort hätte ich Zeit, meinen Körper zu stabilisieren und meine Empfindungen sowie Gefühle zu analysieren. Damals überstürzten sich die Ereignisse: Juli 2006 war die letzte Operation, die Abschlussuntersuchungen, Gesundschreibung, Umzug nach NRW, 14 Tage Urlaub in Israel und am 08.08. 2006 begann das neue Schuljahr am GaW in Düren. Auf gar keinen Fall wollte ich dies mit einer Kur beginnen. Jetzt ist das erste Schuljahr fast beendet, also eine günstigere Möglichkeit für eine Auszeit.
Wie beantragt man eine Kur?
Mein behandelnder Arzt in Aachen, Dr. Danaei, beantragte diese Kur für mich. Ein Schreiben ging der Bezirksregierung in Köln zu. Wartezeit! Dann erhielt ich eine Antwort. Die Notwendigkeit einer Kur musste vom Amtsarzt bestätigt werden. Also organisierte ich mir einen "Feststellungstermin" beim Amtsarzt in Düren. Meine Erfahrungen mit Amtsärzten waren ja nicht gerade aufbauend. Am 10.04.2007 saß ich einer freundlichen Ärztin gegenüber, die mich aufforderte, doch meinen Kurantrag zu begründen. Warum wollte ich eine Kur? Ich konnte ja schlecht sagen, dass alle der Auffassung sind, ich bräuchte eine Auszeit. So versuchte ich, die Kurzfassung meiner Krankengeschichte zu erzählen. Das war allerdings für eine Amtsärztin so normal, dass ich kein großes Mitgefühl für meinen Leidensweg verspürte. Es wurde erst Interesse gezeigt, als sich herausstellte, dass ich trotz Krankheit als Beamtin zur Anstellung geführt werde. Sie teilte mir mit, dass auch sie diese Untersuchung durchführt und ihr kein Fall bekannt ist, der nach dieser Krankheit eine Verbeamtung ermöglicht. Da war ich also die große Ausnahme und sah die Leipziger Amtsärzte in einem anderen Licht. Eine Kur steht mir zu, jetzt musste nur noch der Zeitpunkt geklärt werden. "In welcher Ferienwoche wollen sie fahren?" Oh, ich wollte in keiner Ferienwoche fahren. Da wurde ich belehrt: Beamte dürfen nur in der Ferienzeit sich erholen. Ich war irritiert, jedoch nicht sprachlos. Meiner Meinung nach sollte die Ferienzeit zur Erholung vom Schulstress dienen, um die Arbeitskraft wieder herzustellen, eine Kur, jedenfalls in meinem Fall, müsste mir helfen, meine Krankheit zu verarbeiten - körperlich und seelisch. Jetzt musste auch die Ärztin schmunzeln und dann meinte sie, dass dafür eine spezielle Begründung gefunden werden müsse. "Dann machen wir uns mal an die Arbeit", mit diesen Worten gab sie mir einen dicken Katalog, der sämtliche Kureinrichtungen beinhaltete. Zuhause habe ich dann zwei Stunden gebraucht, um mein Reiseziel zu finden, meinen Ort der Rehabilitation. Noch am Abend habe ich mich mit der Klinik Graal-Müritz; Fachklinik für Onkologie und Ganzheitsmedizin, in Verbindung gesetzt. Gut, dass es das Internet gibt. So konnte ich mir die Klinik sowie deren Programm ansehen, eine Mail schreiben und eine Aufenthaltsmöglichkeit vom 03.06.2007 bis zum 24.06.2007 erfragen. Einen Tag später war die Antwort schon da, dass ich an die Ostsee kommen kann. Jetzt konnte ich eine Mail an die Amtsärztin schreiben. Leider war sie im Urlaub - Wartezeit! Um so erfreuter war ich dann, als eine positive Rückmeldung auch zum Reisetermin kam. Wie ging es weiter? Anschreiben an die Krankenkasse, Anschreiben an die Beihilfestelle - Wartezeit! Als dann endlich die Zustimmungen kamen, konnte ich auch in der Schule vorsprechen. Ich war unheimlich froh, dass man für die Kur zu diesem Zeitpunkt, immerhin waren noch zwei Wochen Schule, Verständnis hatte. Die Stunden habe ich teilweise vorgeplant, sodass die Vertretungslehrer und Schüler nicht noch zusätzlichen gestresst wurden.

Ich liebe die Ostsee!

Meine Hand, die Andreas nach wie vor fest hält, schmerzt. Ich muss jetzt in das Auto einsteigen und endlich fahren. Es soll mir richtig gut gehen, ich soll mich erholen, ich soll ausruhen, ich soll abschalten, ich soll aufarbeiten, ich soll ...
Eine dicke Träne kann ich nicht zurückhalten, dann sitze ich im Auto und hoffe, dass das Navigationssystem funktioniert.
Ich muss mich konzentrieren, d.h. die Traurigkeit hat jetzt Pause. Nach 7 1/2 Stunden stehe ich in Graal-Müritz vor dem Haupteingang und bin ganz schön stolz. Die erste Herausforderung habe ich super gemeistert. Jetzt beginnt das fröhliche Kurleben. Es ist Sonntagabend, 17.00 Uhr, normalerweise kein Anreisetag, aber Schwester S. zeigt mir mein Zimmer, den Speiseraum und erklärt kurz die Begebenheiten der Aufnahme. Die Kuranlage ist sehr schön, auch in meinem Zimmer 2 im Haus Pappel werde ich mich wohl fühlen. Ich räume das Auto aus und gehe um 17.30 Uhr zum Abendbrot. Jeder Platz hat ein Namenkärtchen, dies finde ich ganz nett, leider finde ich meines nicht. Eine Frau in einem leuchtend roten T-Shirt winkt mir zu und bittet mich an ihren Tisch: "Hier ist noch ein Platz frei und alles andere wird sich finden." Ich bin froh.
Andreas anrufen! Auch er ist beruhigt, dass ich gut angekommen bin. Schwester S. nimmt einige Daten noch auf: Blutdruck, Puls, Gewicht, EKG, Atemvolumen - alles ist o.k.
Dann kann ich endlich die Ostsee suchen - ich sehe sie - spüre denn Sand, den Wind und das Wasser - herrlich. Ja, ganz bestimmt werde ich diese Zeit genießen.
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