9.00 Uhr ich habe alle Sachen, die ich so im Krankenhaus brauchte gepackt. Eigentlich könnte ich gleich losmarschieren - einfach los und alle unangenehmen Dinge, die Krankheit, lasse ich im Krankenhaus zurück. Ist doch gut zu verstehen.
Die Visite muss ich wohl noch über mich ergehen lassen. Einige Fragen habe ich schon noch, kann sie auch klären.
10.00 Uhr Andreas holt mich ab! Endlich! ZUHAUSE!
I. und C. kommen am Nachmittag aus OC. Es geht mir gut und wir haben wirklich nette Stunden.
Alles ist angenehm und trotzdem muss ich mich auf die Couch legen. Und dann am Abend?
Ich kann baden - herrlich!

Das Zusammentreffen mit J. zufällig oder beabsichtigt, es ist genial. Wir verstehen uns auf Anhieb, quatschen, trauern und lachen gemeinsam, helfen uns gegenseitig und tauschen Erfahrungen aus. Wobei J. die Chemotherapie schon überstanden hat, mir um Monate voraus ist und über erlebte Erfahrungen verfügt. Von diesen Einsichten profitiere ich ungemein und frage, frage und frage. Ist es nicht eine interessante Möglichkeit, dass im Krankenhaus die Zimmerbelegung nicht nach der "Noch - Frei - Bett - Variante" geschieht, sondern nach psychologischen Aspekten vorgenommen wird? Dies wäre für das Wohlbefinden der Patienten wünschenswert, ist jedoch im Alltag bestimmt unrealistisch. Bei uns hat es geklappt.
Die Visite haben wir gut überstanden, mein Heilungsprozess ist bestens, somit können die Dränagen gezogen werden. Wie werden Schläuche gezogen? Unwissenheit und Angst vor Schmerzen verlängern die Wartezeit. J. erklärt mir den Ablauf. Schwester C. hat genau das richtige Gespür. Nach zweimaligem Einatmen und fast ohne Schmerzen bin ich die "Anhängsel" los.
So kann ich meinen Besuch recht munter und frei empfangen. I. hat viele nützliche Utensilien mitgebracht. Über das Greifherz freue ich mich besonders. Frau Dr. Langanke kommt vorbei und teilt mir sehr ernst mit, dass der Befund da wäre. Ich solle in einer halben Stunde zu ihr ins Behandlungszimmer kommen. J., A. und I. lenken mich ab. Dann ist es soweit und ich begebe mich nervös in das zweite Untergeschoss. Was erwarte ich? Der Krebs ist entfernt. Die Narben werden verheilen, ich werde wieder gesund. Bin ich zu naiv? Zum Glück sitzen die Patienten so, dass sie nach draußen blicken können. Vor 14 Tagen plätscherte das Bächlein noch vorbei und hat Gedanken weiter getragen. Jetzt sind es die grauen Steine, Blätter und Staudengewächse, die beruhigen. Ich fühle mich nicht so beengt, höre aufmerksam zu, erkenne viele Begriffe vom Erzählen und Lesen wieder. Mein Gedächtnis ist wie ein Sieb, nur Chemotherapie, Bestrahlung und Port bleiben fest haften. Ich verstehe oder lege mir zurecht, dass es ein "guter" Krebs ist. Das Wort "positiv" fiel auch nicht durch das Sieb. Gefühle? Ich glaube in diesem Moment hatte ich keine. Vakuum! Ein wenig benommen trottete ich wieder zu meinem Zimmer. I. und J. erwarteten mich schon. Sie können meine Empfindungen so gut nachvollziehen.
Meine Fassung verliere ich erst am Nachmittag, als Andreas und meine Eltern kommen. Hemmungslos heule ich in Andreas Armen. Hilflos blicken meine Eltern. Wir brauchen ein wenig Zeit. Andreas findet die richtigen Worte und tröstet uns drei. Abwechslung bringt der Besuch in der Cafeteria. Bei Kakao, Kaffe und Kuchen fällt das Erzählen leichter. Mir geht es jetzt wieder besser und meine Eltern gönnen uns eine kurze Zweisamkeit. Ganz fest halten wir unsere Hände und endlich löst sich bei Andreas die lange Anspannung. Tränen laufen über die Wangen. Seine Angst, Wut, Groll, Entrüstung, Verzweiflung und Besorgnis finden ein Ventil. Ich kann trösten und weiß, dass wir es gemeinsam schaffen werden.

Ich lese und lese und lese, "Über-Lebensbuch/Brustkrebs" und "Wieder gesund werden" (Lektüreempfehlung). Unterbrochen werde ich von der Physiotherapeutin, sie versucht, mit gezielten Übungen die eingeschränkte Beweglichkeit meiner rechten Seite zu verbessern. Diese Möglichkeit kommt mir sehr entgegen. Voller Elan beginne ich die vorgezeigten Armbewegungen zu erproben. Oh je, es sind nicht nur die Schläuche, die eine aktive Bewegung verhindern. Ich habe Schmerzen. Langsam, viel langsamer hebe ich die Arme, drehe die Hände, zappele mit den Fingern, beuge die Schultern. Die Therapeutin motiviert mich, geduldig jeden Tag zu üben, dann kann ich auch den Pullover wieder schmerzfrei über den Kopf ziehen.
Am Nachmittag kommt Andreas und bringt meine Eltern mit. Nein, heulen will ich ganz bestimmt nicht - sie auch nicht - doch die Tränen stehen uns in den Augen. Mutti ist ganz ernst und Vati so still, ganz fest drückt er meine Hand. Sie staunen über die freundliche Krankenhausatmosphäre und wünschen, dass es mir gut geht. Die Tür geht auf und herein kommt eine neue Bettnachbarin. J. stellt sich vor und fragt, ob wir etwas dagegen hätten, wenn sie ohne Perücke im Zimmer ist. Wir sind irritiert, eine herrliche Ungezwungenheit. Nein, natürlich haben wir nichts dagegen und schwups wandert die Perücke in den Schrank. Die Besuchszeit vergeht viel zu schnell, traurig muss ich nicht sein, denn morgen sind alle meine drei Lieben nochmals bei mir. Am Abend wird J. noch operiert.

Die Nacht ist vorbei, alle Schläuche und Kanülen noch vorhanden, leichte Schmerzen in der Brust und im Arm - es geht mir gut. Das Waschen gestaltet sich schwierig, außerdem habe ich die Waschlappen vergessen, so bleibt es bei der "Katzenwäsche". Selbst das Putzen der Zähne kann nicht ausgedehnt werden, weil der rechte Arm schlapp macht und mit dem linken möchte ich heute noch nicht üben. Erschöpft liege ich wieder im Bett und warte auf die Visite. Als die Ärztinnen und Schwestern mit meiner Akte vor dem Bett stehen, bin ich aufgeregt. Das Brustjübchen wird ausgezogen und siehe da, meine Brust ist noch vorhanden. Verklebt und abgedichtet sieht sie jetzt doch krank aus. Ich erkundige mich nach der Bedeutung der Schläuche, die in kleinen Flaschenkugeln enden. Es sind Drainagen, die das Wundsekret auffangen. Hat die Handkanüle noch eine Funktion? Nein, die kann gezogen werden. Toll, ein wenig Bewegungsfreiheit mehr. Jetzt interessiert mich nur noch die Entfernung der Spirale. Ich schaue in erstaunte Gesichter. Das hat man vergessen. Die Computer waren noch nicht umgestellt und ... . Jetzt bin ich auch erstaunt. Sie soll dann beseitigt werden, wenn der Port gelegt wird. Der Befund wird am Ende der Woche erwartet. Tür zu!
Meine Aufregung ist verschwunden und für zukünftige Visiten werde ich mir meine Fragen aufschreiben, damit ich nichts vergesse.
Ich freue mich auf das Mittagessen, muss allerdings erwähnen, dass ich Vegetarier bin. Frau M. organisiert dies. Bevor es soweit ist, kommt Frau V. von der Führsorge. Sie erklärt mir, wie wichtig es ist, einen Antrag auf erstmalige Feststellung von Behinderungen auszufüllen und einen Ausweis ausstellen zu lassen. Im Moment möchte ich darüber überhaupt nicht nachdenken. Ich werde mit Andreas sprechen, hoffentlich kommt er bald. Er hat dienstags so lange Unterricht und dann noch ins Krankenhaus. Ich warte! Nach dem Mittagessen kommt erst A., sie ist Bibliothekarin im Krankenhaus und hat von I. den Hinweis bekommen, mal bei mir vorbei zu schauen. So komme ich zu interessanter Literatur (siehe Lektüreempfehlung) und einem sehr angenehmen Gespräch über Brustkrebs. A. leitet auch noch die Selbsthilfegruppe im Krankenhaus und informiert mich darüber. Für die Literatur bin ich dankbar, alles andere bleibt noch weit entfernt. H. steckt den Kopf durch die Tür. Ich freue mich und beide müssen wir schmunzeln, denn von der gestrigen Unterhaltung weiß ich fast nichts mehr. Andreas löst H. ab und wir können lange zusammen sein, da ich allein im Zimmer bin. Die andere Patientin ist entlassen worden. Es gibt so viel zu berichten von meinem ersten bewussten Krankenhaustag.

Den Krankenhausalltag kann man recht schnell erlernen. Wecken um 6.00 Uhr, Fieber messen, Puls kontrollieren, alles in den Akten notieren, Betten richten, waschen, warten. Ich habe Durst, doch meine Aufregung ist stärker und wird die Zeit bis zur Operation überbrücken. Am Vormittag soll alles erledigt sein. Interessant ist dann die Visite. Vier bis sechs weiß, blau oder grün angezogene Frauen stehen im Zimmer. Alle sind sehr wichtig und so fühle ich mich dann auch. Frau Dr. Langanke wird den Tumor aus meiner Brust entfernen, die Spirale ebenfalls. Warten. Die weißen Thrombosestrümpfe werden gebracht und ich ziehe mich um. Warten. Gegen 12.00 Uhr werde ich in meinem Bett zum OP gefahren. Von meinem Bett über ein warmes Laufband auf eine OP-Liege gerollt und in Empfang genommen. Ein Stimmengewirr schlägt mir entgegen: "Wer kommt jetzt?" "Was, Brust?" "Dieser sch... Computer, noch nicht umgestellt!" Der Anästhesist fragt freundlich nach meinem Namen und sucht nach einer Vene im linken Arm. Ich gebe bei diesem Wirrwarr zu bedenken, dass nicht das rechte Bein sondern die Brust operiert werden muss. Wenn es angenehm warm wird, soll ich es sagen. Jetzt!
H. sitzt an meinem Bett und ein Sonnenstrahl scheint durch das Fenster, an mehr kann ich mich nicht erinnern. Erst als Andreas kommt, stehen mir schon wieder die Tränen in den Augen. Ich habe keine Schmerzen, fühle nichts, finde die Schläuche komisch und möchte schlafen. Mir wird erklärt, dass das dicke Kissen eine Unterlage für den rechten Arm ist. Es ist kalt, ich habe Durst und schlafe schon wieder. Andreas verabschiedet sich, er ist morgen wieder da. Ich hab dich lieb!

Um 18.00 Uhr muss ich im Krankenhaus sein. Am Nachmittag beim Einpacken der Sachen laufen mir die Tränen über das Gesicht. Ich fühle mich so hilflos, so unheimlich traurig. Was braucht man im Krankenhaus? Ich habe schon so oft Taschen / Rucksäcke gepackt, jedoch für fröhliche Zeiten. Jetzt habe ich keinen Plan. Andreas redet mit mir, hält mich fest und hat noch ideale Vorschläge. Den Laptop werde ich mitnehmen. So kann ich lesen, Musik hören, Fotos ansehen, schreiben, Filme schauen. Es ist im Krankenhaus Abendbrotzeit, als wir bepackt und ich wie ein Häufchen Unglück die Station 10 betreten. Wir müssen einen Moment warten, dafür gibt es eine Sitzgruppe in der Fensterecke. Zu dieser Zeit sind wir, anders als am Freitag, die einzigen Patienten. Doch schon kommt eine freundliche Schwester, welche uns kurz die Stationsschwerpunkte erklärt und mein Zimmer für die nächsten Tage zuweist. Ein Zweibettzimmer - warme Farbtöne(orange/gelb), Bilder an den Wänden, Tisch und Stühle vor dem Balkon, abgetrennter Waschbereich, farblich passende Vorhänge und Spinte. Ich bin angenehm überrascht - italienisches Flair im Krankenhaus. Doch eigentlich möchte ich wieder mit nach Hause, auch wenn das Fensterbett für mich ist. Ich begrüße meine Mittpatientin, stelle die Sachen ab und dann setzen wir uns in den Aufenthaltsbereich der blauen Abteilung. Sogar hier ist es angenehm: Tisch und Stühle nett zusammen gestellt, Bücherregal, Blumen und Grünpflanzen. Das Abendbrot wird verteilt, auch ich werde gefragt, ob ich etwas essen möchte. Nein, kein Verlangen. Mir kommt das Gesicht der Küchenfrau sehr bekannt vor. Nach einer Weile fällt es mir wieder ein. Frau M. ist die Mutter von Y., ehemalige Schülerin der Klasse, die ich zuerst in Leipzig als Lehrerin übernahm. Wir freuen uns über unser Wiedererkennen und ein wenig Vertrautheit schleicht sich ein. Andreas muss allein nach Hause fahren. Ich bringe ihn noch mit ganz langsamen Schritten bis zum Eingangsbereich. Kein Wort kann ich mehr sagen, ganz fest halten sich unsere Hände, die Tränen piksen wie kleine Steine in meinen Augen - auf Wiedersehen. Schwer fällt mir der Weg zurück, an der Kapelle vorbei, irgendwann werde ich sie betreten und beten, diesmal für mich.
Zuerst packe ich meine "Festhalter" - die Glücksbringer aus, dann die Sachen in den Schrank bzw. Nachtschrank und jetzt muss ich mich umziehen - fein sein für das Krankenhausbett. Kurze Gespräche mit meiner Mitbewohnerin, sie ist nett und wird morgen vielleicht entlassen. Die Schwestern verteilen am Abend Schlafpillen, ich bekomme noch eine andere Tablette und den Hinweis ab 24.00 Uhr nichts mehr zu trinken, da ich morgen operiert werde. Ja, morgen, bis dahin gibt es noch viele Stunden Nacht. Ich werde versuchen, nicht so lange nachzudenken, erholsam schlafen.

Ich nehme Abschied von einem Teil meiner "heilen" rechten Brust. Warum empfinde ich sie schöner als meine linke Brust? Klein aber fein. Nach der Operation wird es anders sein, dafür werde ich dich mehr lieben. Alles Besondere fordert Aufmerksamkeit. Fotos werden deinen "Normalzustand" festhalten.

S. hat heute Geburtstag, die närrische Zeit beginnt und für mich setzen die Vorbereitungen für die Operation im Krankenhaus ein. Dort soll mir geholfen werden und damit dies optimal wird, muss man meine körperliche Verfassung kennen. Andreas wird immer an meiner Seite sein, mich unterstützen, mich trösten, mich ermuntern, mit mir warten ... DASEIN. Ich bin so froh, dass ich nicht allein sein muss. Ein Blatt fällt vom Baum und da ist der Wind, der bläst und dafür sorgt, dass das Blatt sanft landet. Danke!
Wir sind gegen 9.00 Uhr im St. Elisabeth - Krankenhaus, Station 10:
- Aufnahmegespräch mit der Schwester
- Blutentnahme
- EKG
- Wiegen
- Gespräch mit einer Ärztin und Untersuchung
- Anästhesiegespräch
- Gespräch mit Frau Dr. Langanke
Nach fünf Stunden konnten wir das Krankenhaus endlich verlassen. Unser Fazit: Wenn man so lange im Krankenhaus ist, dann fühlt man sich krank.

Untersuchung in der Radiologisch-Nuklearmedizinischen Gemeinschaftspraxis am Johannisplatz. Einen Termin so schnell zu bekommen, war mit hartnäckigen Verhandlungen verbunden. Ich solle viel Geduld mitbringen, denn diese Untersuchungen werden den ganzen Tag andauern. Es erfolgt das Röntgen des Thorax in zwei Ebenen, die Sonografie des Oberbauches und die Knochenszintigrafie. Frau B.M. spricht mir gut zu und das Röntgen sowie die Sonografie waren bald "abgearbeitet". Für die Knochenszintigrafie wird ein Radiopharmakon intravenös verabreicht. Nach Injektion des radioaktiven Nuklids habe ich eine Wartezeit von 3 Stunden, in der ich viel trinken soll. In dieser Zeit bin ich nach Hause gefahren. Die Aufnahmedauer selbst betrug dann noch 45 Minuten. Am Nachmittag hatte ich dann alles überstanden und wartete auf die mündlichen Befunde. Nach einer Dreiviertelstunde berichtet mir Frau B.M. mit einem Lächeln im Gesicht, dass alles in Ordnung ist und überreicht mir noch eine CD mit den Aufnahmen. Schriftlich geht der Befund dann an Frau Dr. Langanke mit folgendem Inhalt: "Bei bekanntem Mammakarzinom rechts kaudolateral kein Anhalt für Leber-, Knochen- oder Lungenmetastasen." Ich bin einfach glücklich.

Auf Wiedersehen sagen, sich verabschieden von jemanden, den man lieb hat, fällt so schwer.
Ich bin traurig, weil ich weiß, dass wir uns lange nicht sehen werden.
Wenn wir uns wiedersehen, werde ich ein anderer Mensch sein. Vielleicht nicht besser oder schlechter, aber anders. (D. Wieser)
Dies trifft für alle Menschen zu, für mich besonders, weil sich durch die zukünftigen Erlebnisse meine Persönlichkeit verändern wird. Bedingt durch die Krankheit werde ich mein bisheriges Leben überdenken, mich mit mir selbst auseinandersetzen, eigene Wertvorstellungen hinterfragen. Hört sich sehr spannend an. Dafür brauche ich Zeit und Muße. Bei den vielen Terminen, die auf mich zukommen werden, wird es wohl noch ein wenig dauern, bis der Denkprozess einsetzen wird. Lange schaue ich meinem Sohn nach.
Am Nachmittag bin ich wieder in Leipzig und freue mich auf Andreas. Viele Kollegen haben an mich gedacht und mit Grüßen, Karten, Glücksbringern, Kraftsymbolen mir ihre Anteilnahme ausgedrückt, Hilfe angeboten, Mut zugesprochen. Es ist ein sehr schönes Gefühl, angenommen zu sein. Ein angenehmes Wiedersehen. Einige Telefonate werden geführt, Termine vereinbart und diverse Angelegenheiten organisiert. Am Abend lese ich noch im Internet nach.
Meine Familie, Bekannte und Freunde wissen nun alle, dass ich Brustkrebs habe. Jeder muss seinen Weg finden, damit umzugehen. Ich auch!


Felix muss zur Schule. Wir werden uns am Nachmittag in der Stadt treffen, durch die Geschäfte bummel, vielleicht eine Winterjacke oder Hose kaufen. In der Zwischenzeit kann ich einige "Muttiaufgaben" übernehmen: Aufräumen, Wäsche waschen, Bügeln, Einkaufen ... Es ist sehr beruhigend, etwas zu tun. Schnell vergeht die Zeit und ich fahre zum Ostbahnhof, unserem Treffpunkt. Das Unternehmen: Mutter und Sohn kaufen eine Winterjacke, gestaltet sich recht schwierig. Nach dem dritten oder vierten Versuch halte ich mich dann zurück und lasse Felix allein entscheiden. Es funktioniert und wir sitzen bei einem Glas Bier bzw. Ratler in einer gemütlichen Gaststätte, freuen uns über die Jacke und reden über die Zukunft. Ich genieße die Zweisamkeit. Am Abend unterhalten wir uns dann noch einmal über die Krankheit, haben jedoch keine pessimistischen Gedanken. Felix schläft schnell ein, ruhig sind seine Atemzüge und sie verbreiten eine entspannte Stimmung. Ich liege noch lange wach, denn bereits jetzt versuche ich Abschied zu nehmen, damit es morgen früh, wenn Felix wieder zur Arbeit muss, mich nicht so sehr berührt. Irgendwann, nachdem ich meine Hand auf seinen Arm gelegt habe, schlafe ich auch.

Mein letzter Schultag. Ich muss meinem Direktor mitteilen, dass ich Brustkrebs habe und für das nächste Halbjahr ausfallen werde. Er ist ergriffen, zwei Kolleginnen in einem Jahr an Krebs erkrankt. Laut Statistik dürften weitere Lehrer verschont bleiben (mein schwarzer Humor). Viele Kollegen und Kolleginnen nehmen Anteil, sprechen mir Mut zu und sind zuversichtlich, dass ich die Kraft haben werde, den Krebs zu besiegen. I. musste diesen Weg auch schon gehen, sie hat gekämpft und arbeitet jetzt wieder. S. kann es gar nicht fassen und muss gegen die Tränen kämpfen. Ich drücke und ermutige sie, an mich zu glauben. Keiner kann es sich vorstellen, wenn er mich so munter sieht, dass ich "richtig" krank bin. Als ich der Planerin mitteile, dass ich für längere Zeit ausfalle, meinte sie: "Kein Problem!" Auch gut. Schwer fällt es mir, mich für längere Zeit von meinen Schülern zu verabschieden. Ich nehme mir vor den Kontakt zu halten, weiß, dass es die anderen ebenfalls versuchen. Auch hier wird Andreas mir/uns helfen.
Ein Vorhaben werde ich heute noch ausführen. Ich werde gegen Mittag nach München fahren und Felix von meiner Krebserkrankung erzählen. Dieses Thema will ich auf gar keinen Fall am Telefon erörtern. Ich muss mein Kind dabei ansehen und berühren können, also auf nach München. Ich freue mich auf Felix.

Für die Fahrt nach München habe ich fünf Stunden gebraucht, Straßen in der Stadt wiedererkannt, den Weg gefunden und stehe stolz in der doch aufgeräumten Wohnung meines Kindes. Es ist noch Zeit, Felix wird erst gegen 23.30 Uhr kommen. Für unser gemeinsames Abendbrot habe ich alles mit und bevor ich mit den Vorbereitungen anfange, setze ich mich in den Sessel und genieße die Ruhe in dieser Umgebung. Charli springt auf meinen Schoß, rollt sich ein und lässt sich streicheln. Schon fast ein Jahr lebt die Katze jetzt hier und ich hätte nicht geglaubt, dass sie eine so wichtige Rolle übernimmt. So wie ich mich gefreut habe, dass "jemand" in der Wohnung wartet, wird Felix es auch empfinden und sich nicht so einsam fühlen. Er hatte sich damals richtig entschieden, es selbst organisiert. Stolz bin ich auf ihn. Mit 17 Jahren ist er nach München gekommen und hat eine Ausbildung als Koch begonnen. Mir krampft sich jetzt noch das Herz zusammen und ein dicker Kloß steckt in meinem Hals, wenn ich daran denke, dass er allein die Wohnung, den Haushalt, die Ausbildung, die Schule und den Umgang mit fremden Menschen managt. Die Hälfte der Zeit hat er geschafft und auch für die folgenden Jahre will ich seine Mutter sein, die ihn unterstützt und hilft, ein selbstständiges Leben zu führen. Ich muss ihm erklären, dass ich krank bin, jedoch geheilt werde und immer für ihn da bin. Jetzt sorge ich erst einmal für eine nette Gesprächsatmosphäre. Dann steht Felix in der Tür und wir spüren unsere Freude beim Umarmen. Wir sitzen uns gegenüber, plaudern,essen und trinken. Jetzt muss ich es sagen. Groß und immer größer werden seine Augen, Bestürzung und Angst erkenne ich. Seine spontane Frage, ob man an Brustkrebs sterben kann, beantworte ich ehrlich mit JA. Erkläre meinem Kind, dass ich nicht sterben werde, dass die Behandlungsmethoden zur Bekämpfung von Brustkrebs sich bewährt haben und gute Heilungschancen existieren. In diesem Moment bestehen auch keine Zweifel für mich. "Können Männer auch Brustkrebs bekommen? Hast du mir das schon vererbt?" Diese Vermutungen entkräfte ich einfach mit den Worten: "Selbst meine kleine Brust wird immer größer sein als deine, du hast keinen Platz für Krebs. Außerdem habe ich dir nur meine guten Eigenschaften vererbt." Ich weiß, dass die Aussage irrelevant ist, doch an diesem Abend brachte sie uns zum Schmunzeln.

Ich möchte meinen Freunden und Bekannten von meiner Krebserkrankung erzählen, auch meiner Familie muss es noch mitgeteilt werden. Auf vielen Schultern verteilt, können sie mir beim Tragen und Ertragen helfen. Auch ich hätte es nicht anders erwartet, denn nur so werden wir miteinander umgehen können. D. und D. sind erschüttert. Warum ich? Warum ich nicht? Im Moment habe ich noch keine Zeit darüber nachzudenken. Beide haben Verwandte (Bruder, Mutter), die an Krebs erkrankt oder gestorben sind. D. stehen die Tränen in den Augen, wir halten uns fest, weinen kann ich nicht. Ich habe das Gefühl, es ist wie ein Abenteuer. Wir rauchen unsere letzte gemeinsame Zigarette auf der Terrasse.
Heute Nachmittag wird mir die Mitteilung bei meinen Eltern und Geschwistern schwerer fallen. Zuerst fahren wir zu meiner Schwester nach Oschersleben. Sie freut sich über unseren Überraschungsbesuch. Andreas betreut die Kinder und ich versuche die richtigen Worte zu finden, damit C. nicht zu sehr schockiert ist. Wie findet man die "richtigen" Worte? Sie ist so oder so geschockt, weint hemmungslos dicke Tränen und umklammert mich: "Nicht du, du nicht. Ich brauche dich doch!" Schon bin ich in der verdrehten Rolle und tröste. Mit fester innerer Überzeugung erkläre ich, dass die heutigen Behandlungsmethoden Brustkrebs heilen können und ich in keinster Weise die Absicht habe, in die Kiste zu springen. Eigentlich bin ich doch gesund. Wann fühlte ich mich das letzte mal krank? Ich erzähle und erzählte, C. beruhigte sich, konnte aber nicht mit mir reden. Sie musste erst einmal Ordnung in ihre aufgewühlten Gedanken bringen, ihre Gefüle annehmen, meine Krankheit akzeptieren, dann wird sie für mich da sein. Wir fahren weiter nach Hornhausen zu meinen Eltern, die sich ebenfals über diesen Sonntagsbesuch zum Kaffee trinken freuen. Es war keine Freude. Ich konnte auch gar nicht so viel erzählen. Als ich die entsetzten Gesichter mit den großen traurigen Augen von meiner Mutti und meinem Vati sehe, stehen mir auch die Tränen in den Augen. Andreas hilft und erklärt sachlich. Meine Eltern lieben uns, ihre Kinder, sehr, eines davon krank zu wissen und eigentlich nicht helfen können, muss entsetzlich sein. Meinem Bruder werden sie es erzählen, heute schaffe ich es nicht mehr. Im Auto auf der Rückfahrt kann ich zum ersten Mal weinen. Ich bin sehr traurig, nicht wegen der Krankheit, sondern wegen des Schmerzes, den ich Menschen zufüge, die ich sehr lieb habe. Andreas streichelt mir über die Wange und wischt die Tränen fort. An seine Traurigkeit habe ich noch gar nicht gedacht.

Heute treffen wir uns zu mehreren Tassen Tee bei H. Ich möchte von meiner Krankheit ihr, E. und G. berichten. Wir sind schon so lange miteinander befreundet und ich weiß, dass sie mir helfen werden, diese Krankheit zu überwinden. H. war auch an Krebs erkrankt und sie spricht mit Erfahrung. Spontan drücken wir uns und ich spüre Anteilnahme, auch Kraft und Zuversicht verbreitet sie. Unsere vier verschiedenen Persönlichkeiten tragen dazu bei, dass wir uns gegenseitig bereichern und mit gutem Gewissen "benutzen" können. Auch diesmal schafft E. es wieder ein chaotisches Gespräch zu führen - mir tut es gut. Wir haben einen netten Nachmittag und ich habe ein wenig von meiner Last abgegeben.

10.00 Uhr Treffen im Krankenhaus. Ich muss warten und bin sehr unsicher. Ein Ehepaar kommt aus dem Zimmer - die Frau blass und mit Tränen in den Augen. Also Brustkrebs! Ich werde ruhiger, denn ich bin nur eine von vielen Frauen, die hier schon ein und aus gegangen sind. Ob sie mich wiedererkennt? Immerhin haben wir schon zusammen bei J. und Y. gefeiert. Die erste Minute ist entscheidend, ob man sich sympasthisch findet. So, jetzt ich! Frau Dr. D. Langanke ist sehr freundlich und erkennt mich wieder. Ich fühle mich gut aufgehoben und versuche konzentriert zuzuhören. Alles kann ich nicht verstehen - ein weites Meer Unbekanntheit öffnet sich vor mir. Sehr souverän sind Untersuchung und Gespräch. Ergebnis: Eine schnelle Aufnahme im Krankenhaus und OP. Vorher müssen noch einige Untersuchungen durchgeführt werden: Thoraxröntgen, Oberbauchsonografie, Knochenszintigrafie. Also wieder Termine vereinbaren. Für alle Untersuchungen kann man die entsprechenden medizinischen Einrichtungen aussuchen. Auf der einen Seite toll, doch wenn man keine eigenen Erfahrungen bzw. Empfehlungen bekommt, dann finde ich es sehr schwierig, eine Entscheidung zu treffen. Da ich ein gutes Gefühl bei der Biopsie hatte, werde ich diese Untersuchungen auch in der Radiologie am Johannisplatz durchführen lassen.

Abendbrot bei K. und T. Sie sind die Ersten, die es erfahren. Beide sind sehr betroffen. Zuerst weiß man nicht, was man sagen soll. Was soll man auch dazu sagen? Sch ...!! Es wird trotzdem kein trübsinniger Abend. Man sieht mir ja die Krankheit nicht an, mir geht es ja gut.

Die Unterrichtsstunden vergehen und in der großen Pause suche ich I. auf. Ich weiß noch nicht so richtig, wie ich das Gespräch beginnen soll, außerdem stehen andere Lehrer mit dabei. Es soll vorerst noch nicht in der Schule bekannt werden. Wir suchen uns eine ruhige Ecke und ich hoffe, dass I. mit mir über Brustkrebs reden kann. Sie kann. I. ist entsetzt (schon wieder eine Bekannte), traurig (sie weiß, was auf mich zukommt), empört (dass man allein gelassen wird nach der Diagnose). Bereitwillig antwortet sie mir auf meine Fragen und empfiehlt auch das Elisabeth - Krankenhaus. Dort konnte sie nur gute Erfahrungen sammeln. Am Nachmittag muss sie zur Nachuntersuchung ins Krankenhaus und wird versuchen, für mich einen Gesprächstermin zu vereinbaren. Danke!
Am Abend ruft I. bei mir an und teilt mir mit, dass sie einen Termin für morgen, 13.00 Uhr, organisiert hat. So schnell - damit hätte ich nicht gerechnet. Wir treffen uns noch am Abend. I. überreicht mir die Terminkarte, die mit einem Glücksschwein und einem Kleeblatt bestückt ist. Ich bin gerührt. Als sie mir ihre Narben zeigt, verstehe ich zum ersten Mal, dass auch ich Krebs habe, dass mich etwas, was ich immer noch nicht ganz fassen kann, bedroht. Mit reichlichem Lesematerial (
Über-Lebensbuch Brustkrebs - das erste Fachbuch für die mündige Patientin) und verwirrenden Gedanken im Kopf fahre ich wieder nach Hause. Gut, dass ich für morgen keine Unterrichtsvorbereitung mehr erarbeiten muss. Erst lese ich im Über-Lebensbuch und dann noch im Internet. Dunkel, sehr dunkel ist diese Nacht.

Nach der Schule fahre ich zur Gynäkologin und erwarte dort die Mitteilung des gesamten Befundes. Frau Geßner staunt über meine Gelassenheit und meine Einstellung gegenüber einer lebensbedrohlichen Krankheit. Ich soll mir Zeit nehmen und mir ein Krankenhaus aussuchen, welches dann die Weiterbehandlung übernimmt, dort einen Termin vereinbaren.... Ihre Empfelung: Elisabeth-Krankenhaus.
Ich habe keine Ahnung! Welches Krankenhaus ist für mich das BESTE?
Am Abend suche ich lange im Internet - keine Vorstellung - keinen Plan. Irgendwie sind wohl alle Krankenhäuser toll?! Das St.Elisabeth Krankenhaus hat ein zertifiziertes Brustzentrum und Frau Dr. Langanke "kennen" wir von J.und Y. Wir haben uns dort schon einmal gesehen. Ich komme mir wie ein Schäfer vor, der aus einer Schafherde mit nur schwarzen Schafen das weiße heraussuchen soll.
Morgen muss ich I. sprechen. Sie hat dies alles bereits im letzten Jahr durchgestanden.

Frau Dr. Geßner ruft am Abend (20.00 Uhr) bei uns zu Hause an. "Der Befund von der Biopsie ist heute gekommen. Er ist nicht in Ordnung." Pause! Sie erbittet für den nächsten Tag ein persönliches Gespräch. Stille.
Ich weiß seit einem Jahr, dass ich IHN habe. Andreas schaut mich an: Zweifel, Fragen .... Er wartet auf eine Reaktion. Ich bin nicht erregt, meine Vermutung (mein Bauchgefühl) ist bestätigt worden.
Der Abend verläuft ganz normal. Für den nächsten Schultag muss ich noch Stunden vorbereiten, Sachen packen .... Normalität!?!? Nichts sagen, nur festhalten.