Es gibt Tage, denen man das Datum als Name aberkennen möchte. Das heutige Datum gehört dazu.
Ich habe in der Nacht fast nicht geschlafen und wenn, dann bin ich von wirren Träumen wieder munter geworden. Endlich dämmert es und ich kann meine Joggingsachen anziehen. Fast jeden Morgen laufe ich seit drei Wochen meine alte Strecke, welche ich schon als Teenager absolviert habe. Bergan führt die Kopfsteinpflasterstraße durch zwei Kurven, dann sanft abwärts, um nach 2 km wieder leicht anzusteigen. Ich laufe an vielen alten Kirschbäumen vorbei, die beidseitig den Straßenrand säumen, schaue über die Felder und erreiche meine Zielstelle, eher einen schmalen Teerfleck - für meine nebeneinanderstehenden Füße genau passend. Stop! Langsam drehe ich mich um und wische mir die Tränen von der Wange. Wenn das Erinnerungsgefühl zu stark ist, heule ich eben schon auf dem Hinweg. Meine trüben Gedanken verschwinden. Warme Sonnenstrahlen und ein leichter Wind streicheln mein Gesicht im November. Ein wundervoller Morgen - der Tag erwacht - ganz egal was für ein Datum heute ist, egal, welche Vorstellungen mich quälen, dieser Augenblick ist beeindruckend. Ich schließe die Augen wie jeden Morgen, werde ganz ruhig, lasse los, lasse alles los. Irgendwie habe ich das Gefühl, leer zu sein, nur kurz, dann kann neue Energie einströmen. Ist es eine Art der Meditation? In alle vier Himmelsrichtungen schreie ich: "Ich will jetzt leben!" Die Hände vor der Brust zusammengedrückt, bedanke ich mich für das Leben, dem ich so sehr vertraue.
"Wer einmal zu sich selbst gefunden, der kann nichts auf der Welt verlieren." (Stefan Zweig)
Dann laufe ich zurück. Versuche, meine Vergangenheit zu akzeptieren, auch wenn es heute nur der Tag ist. Ich werde mich finden. Wie es dann mit dem "Verlieren" ist, wird sich zeigen.
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Wir sind seit gestern in Heidelberg. St. begleitet mich, so muss ich nicht allein die weite Strecke fahren. Es gibt lange Gespräche, die für mich hilfreich sind, denn auch sie hat vor zwei Jahren Ähnliches erlebt.
Um 9.30 Uhr habe ich den ersten Termin für ein "Vorstellungsgespräch" in der psychosomatischen Klinik. Bevor ich im Februar mit der Wiedereingliederung beginne, möchte ich, dass meine Psyche stabiler ist, ich mit meiner Situation besser umgehen kann. In den letzten drei Jahre ist so viel passiert. Ich möchte es verstehen, muss lernen, damit umzugehen und sicher auch loslassen. Trotz Unterstützung der Familie und Bekannter werde ich es nicht allein schaffen. Darum nehme ich an, dass professionelle Hilfe kompakt für einige Wochen wichtig und richtig sein wird.
Ein altes großes Gebäude und ein winziger Warteraum wirken bedrückend auf mich. St. muntert mich auf und auch die Dame im Anmeldungszimmer ist sehr freundlich. Nach einem kurzen Moment des Wartens werde ich von Dipl.-Psych. Dr. phil. T.G. abgeholt und zum Gespräch gebeten. Wir unterhalten uns eine Stunde und ich bin fasziniert, dass man so vielfältige Themenbereiche ansprechen kann, ohne zu empfinden, ausgefragt zu werden. Meine Erschöpfung merke ich erst wieder im Auto. Es regnet. Tausend Regentropfentränen trommeln auf das Autodach, klatschen gegen die Scheiben, zerplatzen in viele kleine Tröpfchen und rinnen wieder sich zu Tropfen sammeln, ihren eigenen Weg finden, nach unten ins Nichts. Gut, dass St. fährt, gut, dass wir den gestrigen Tag zum Quatschen hatten, so kann ich meinen Gedanken nachhängen. Ganz egal in welcher Klinik ich mich einweisen werde, es wird eine diffizile Zeit werden. Meine Empfindungen und Gedanken, die ich zum Teil intensiv verdrängt habe, werden zum Vorschein kommen und dann muss ich mich ihnen stellen.
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Freitag, der 13.11.2009
Ist es ein Glückstag oder ein Pechtag? Alles nur Aberglaube?
Ich bin jetzt seit 14 Tagen bei meinen Eltern und es ist an der Zeit, einmal inne zu halten. Also warum nicht an diesem Freitag?
Dabei werde ich die erste Frage gar nicht beantworten können. Zum Tag an sich kann ich natürlich sagen, er hat einen glücklichen Verlauf genommen oder auch nicht. Dass ich jedoch an diesem Tag, in dieser Verfassung, in dieser Konstellation, ... hier in Hornhausen bin und im Augenblick lebe, darüber kann ich noch nichts sagen, nur philosophieren.
Ganz fest bin ich der Überzeugung: Alles im Leben hat einen Sinn! Man kann ihn nur nicht gleich erkennen.
Dies habe ich schon so oft gesagt, auch aufgeschrieben und doch muss ich es mir immer wieder verdeutlichen.
Also, ich bin hier und habe mir so einen räumlichen Abstand geschaffen, um mich weiter intensiv auf die Suche nach meinem ICH zu begeben. Abstand von Situationen und Personen, die mich krank machen, die negativen Stress hervorrufen und mich beim Gesunden meilenweit zurückwerfen - meine Krebszellen mobilisieren.
Hier werde ich jetzt gebraucht und kann mich auch mit ganzem Herzen einbringen. Gut, dass ich noch nicht wieder zur Schule muss, wie ich es ab Oktober ursprünglich wollte. Meine aktiven Behandlungen sind abgeschlossen, somit habe ich keinen Terminstress. Ich fühle mich wohl, jedenfalls körperlich. Und, es umgeben mich Menschen, die mich sehr lieben. Ja! Ich bin zur richtigen Zeit am richtigen Ort.
In der ersten Woche war meine Mutter noch in der Uniklinik in Magdeburg. Mein Vater und ich haben sie jeden Tag besucht. Ich hatte Zeit, um zu fahren, zu fragen, zu pflegen, zu reden, zu motivieren, zu erklären, zu weinen, zu halten, zu unterstützen, zu lachen, zu organisieren - d a z u s e i n. Nun ist meine Mutter seit einer Woche zu Hause. Sie fühlt sich wohl hier, wird ärztlich und familiär umsorgt. Wir richten uns auf Abschied ein.
Wie kann ich mit dieser Situation umgehen? Wie kann ich mit mir in dieser Zeit umgehen?

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Mauer, Mauerfall - die Mauer fiel vor 20 Jahren.
Wie kann man eine Mauer zum Einsturz bringen?
Unzufriedenheit, Einschränkungen, Begrenzungen und Druck jedes Einzelnen gebündelt durch die Masse erzeugt die Kraft, um Mauern zum Einsturz zu bringen.
Hat nicht jeder eine persönliche Mauer? Ich ja! Im Moment empfinde ich meine Mauern sehr bedrückend. Gern würde ich sie einreißen, schaffe es zurzeit noch nicht. Vielleicht habe ich Angst vor der dann gewonnenen Freiheit, vielleicht ist der Druck noch nicht so groß, vielleicht gibt es innere Zustände, die an der Mauer festhalten - ich weiß es nicht. Doch mit Hilfe werde ich es herausfinden und dann mich auf ein "Dahinter" freuen.


Traurigkeit ist nur eine Mauer zwischen zwei Gärten.
Khalil Gibran,

Einsamkeit ist die einzige Mauer, die man alleine nie niederreißen kann.
© Markus Weidmann
Die Mauer aus Angst, die vor deinem Auge aufgebaut ist, wird Stein für Stein durch Wissen und Vertrauen abgetragen.
© Helga Schäferling,

In dir scheinen alle Eigenschaften meines Ideals ihren Ausdruck zu finden! Welch ein Glück, dass du deine Mauer wieder eingerissen hast, die mir schon unüberwindbar schien. Wir haben so viel zu teilen!
© Irina Rauthmann
Viele Probleme erscheinen uns nur deshalb so groß, weil wir sie mit zu wenig Abstand betrachten.
© Jochen Mariss
Meine Mauer erscheint mir nur so groß, weil ich sie mit zu
wenig Abstand betrachte.
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Krebsgeburtstag - ein komisches Wort und doch trifft es den Kern. Mein Krebs hat heute Geburtstag und ER wird heute 4 Jahre alt. Kaum zu glauben - jedes Jahr wieder - vor vier Jahren sagte FRAU mir, dass ich Brustkrebs habe. Nun müsste der Satz folgen: Und seit vier Jahren kämpfe ich schon gegen IHN an. NEIN!
Im ersten Jahr habe ich gekämpft gegen den Krebs.
Im ersten Jahr musste ich mich damit auseinandersetzen.
Im ersten Jahr wurde operiert und therapiert.
Im ersten Jahr waren alle geschockt.
Im ersten Jahr wurde ich begleitet, umsorgt und getragen.
Im ersten Jahr habe ich alles zugelassen.
Im ersten Jahr konnte ich alle Hilfe annehmen.
Dann habe ich für Normalität gekämpft.
Normalität im Alltag.
Normalität in der Familie.
Normalität in der Beziehung.
Normalität im Beruf.
Normalität in mir.
Normalität in den Gedanken und Gefühlen.
Vor zwei Jahren habe ich aufgehört zu kämpfen.
Es wird nie mehr Normalität geben.
Ein Kampf für oder gegen ist aussichtslos, ich bin immer die Verliererin. ER wird auf allen Gebieten gewinnen. Nur wann es soweit auf welchem Gebiet ist, bleibt offen.
Vor einem Jahr offenbarte ER mir, dass ich IHN nicht ignorieren kann. ER sich, wann immer ER es möchte, sich meinem Körper bemächtigen kann und wird.
Ich habe gelernt. Ich muss einen Deal eingehen.


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